Hier gibt es die Sonntagspredigt

Gottesdienst am 29. März – Judika

 

Judika, der fünfte Sonntag in der Passionszeit, hat seinen Namen von der Antiphon des Psalms für diesen Sonntag “Judica me, deus, et discerne causam meam de gente non sancta” (Ps 43). “Gott, schaffe mir Recht, und führe meine Sache wider das unheilige Volk!” Was ist das, Recht schaffen? Was ist es anders als eine Ordnung schaffen, die den Menschen gerecht wird?

 

Aus Psalm 43

Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget? Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich eingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir Gott auf der Harfe danke, mein Gott. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

 

Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 20)

20 Da trat die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen zu Jesus, warf sich ihm zu Füßen und wollte etwas von ihm erbitten. 21 Er aber sprach zu ihr: Was willst du? Sie sagte zu ihm: Bestimme, dass diese meine zwei Söhne einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen sollen in deinem Reiche! 22 Jesus aber antwortete: Ihr wisst nicht, worum ihr bittet. ... 24 Als die Zehn das hörten, wurden sie über die Brüder unwillig. 23 Jesus aber rief sie zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Fürsten der Völker sie knechten und die Großen über sie Gewalt üben. 26 Unter euch soll es so nicht sein, sondern wer unter euch groß sein will, sei euer Diener, 27 und wer unter euch der Erste sein will, sei euer Knecht, 28 wie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, damit ihm gedient werde, sondern damit er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

 

Pöstchen auch im Himmel? Mk 10, 35-45

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, was Sie gedacht haben, als sie den Evangeliums-Text hörten, diesen Text von der Pöstchen-Jägerei. War es ein ‘Warum soll es da anders sein?’ oder ‘die auch!’ Dieser Text ist ja eher peinlich.

Und das wollen Jünger sein? Das sollen Vorbilder im Glauben sein?

Wir sind nicht die ersten, die so denken. Die Lesung aus dem Evangelium war aus Matthäus. Sie ist auch im Markus zu lesen ist, aber ein wenig anders. Bei Matthäus schicken die beiden eifrigen Jünger Jakobus und Johannes ihre Mutter vor; die soll fragen, ob Jesus die beiden zur Rechten und zur Linken haben will, wenn er in seinem Reich ist. Damit sorgt dann Matthäus dafür, dass die Jünger aus der Schusslinie kommen; es war Matthäus wohl unangenehm, die beiden Jünger in ein schlechtes Licht zu setzen. Also bittet die Mutter für ihre Kinder und übernimmt die Schuld für diese peinliche Frage. Es ist sicher auch peinlich, dass die beiden, Jakobus und Johannes, einen Platz haben wollen, der doch eigentlich dem Petrus zusteht.  

Matthäus hatte offenbar zu den historischen Fakten kaum noch Zugang.  Er übernimmt und ändert den Markus-Text – ich lese ihn gleich – ziemlich freizügig so, dass er in seine Theologie passt. Und Lukas, der dritte im Bunde? Es verwundert kaum noch, dass Lukas die Geschichte vorsichtshalber überhaupt nicht in sein Evangelium aufgenommen hat. Lukas löst das Problem, indem er die Jünger überhaupt nicht nach den Sitzen zur Rechten und zur Linken fragen lässt. Er schreibt, sie hätten sich untereinander gezankt, wer denn der größte ist. Und dann antwortet Jesus, dass für sie gelten soll, dass der Größte unter den Jüngern wie der jüngste unter ihnen, und dass der Hochstehende wie der Dienende sein soll.

Es wird also in den Evangelien nicht nur berichtet über das, was Jesus gesagt hat, was Jesus getan und nicht getan hat, sondern auch darüber, was die frühe Kirche dazu denkt. Dies gilt dann auch für den Schlusssatz des Matthäus-Textes: “denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, damit ihm gedient werde, sondern damit er diene und sein Leben als Lösegeld gebe für viele.” Dieser Satz ist sicher Gedankengut und Sprache der frühen Kirche  und eine ‘nachösterliche Sinndeutung’.

Ich will nun diese Geschichte noch einmal vorlesen, so, wie der Evangelist Markus sie aufgeschrieben hat:

Und Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, gehen zu ihm hin und sagen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du uns tust, um was wir dich bitten. Er aber sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich euchtun soll? Da sagten sie zu ihm: Verleihe uns, dass wir einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen dürfen in deiner Herrlichkeit! Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, womit ich getauft bin?  Sie sagten zu ihm, wir können es. Da sprach Jesus zu ihnen: Den Kelch, den ich trinke, werdet ihr trinken, und mit der Taufe, womit ich getauft bin, werdet ihr getauft werden;  aber das Sitzen zu meiner Rechten oder zu meiner Linken zu verleihen, steht mir nicht zu, sondern wird denen zuteil, welchen es bereitet ist.

Es geht dann aber weiter:

 Als die Zehn das hörten, fingen sie an, über Jakobus und Johannes unwillig zu werden.  Und Jesus ruft sie zu sich und sagt zu ihnen: Ihr wisst, dass die, welche als Fürsten der Völker gelten, sie knechten und ihre Genossen über sie Gewalt üben. Unter euch ist es nicht so, sondern wer unter euch groß sein will, sei euer Diener,  und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller;  denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, damit ihm gedient werde, sondern damit er diene und sein Leben als Lösegeld gebe für viele.

Unter normalen Umständen hätten wir das als ‘ordentliche Zurechtweisung’ oder ‘gehörige Ohrfeige’ bezeichnet. Die beiden Jünger haben den Mund ganz schön voll genommen mit ihrer Bitte, und Jesus ‘staucht sie zusammen’.

Dennoch: So, wie Markus die Fragen und Antworten – bis auf den letzten Satz – zusammengestellt hat, sind sie wohl am ehesten authentisch. Zurück also zu Markus!

Was hat wohl die beiden Brüder veranlasst, Jesus um den Sitz zur Rechten und zur Linken zu bitten? Sie wussten, dass Jesus von der neuen Herrschaft sprach, vom Gottesreich, das anbrechen sollte. Wenn denn eine neue Herrschaft beginnt, das wussten sie aus der Politik (der damaligen wie der heutigen), dann sind zuerst einmal Pöstchen zu vergeben. Und da bedient man die Parteifreunde und Weggenossen zu allererst. In den Evangelien von Matthäus und Lukas steht denn schließlich auch das Jesuswort “Und ihr, die ihr mir gefolgt seid, werdet auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.”

Das oder so etwas Ähnliches müssen Jakobus und Johannes wohl im Kopf gehabt haben. Sie teilten damit natürlich die landläufigen Vorstellungen von einem Messias, der die Welt umkrempeln würde, der die Königsherrschaft des Gottes Jahwe begründen und das Himmelreich auf die Erde holen würde. In der Tat hatte ja Jesus immer wieder vom Himmelreich geredet: “Das Himmelreich ist ...” – und dann kommt ein Gleichnis.

Alles ist wohl aber auch missverständlich. Die Königsherrschaft Gottes soll in einer Provinz des Römischen Reiches anbrechen, die von Willkür und Ausbeutung geprägt ist? Da denkt man sicher daran, dass mehr Gerechtigkeit werden soll, dass die verhassten Besatzer abziehen. Wir heute denken vielleicht sogar an Selbstbestimmung. Aber das ist ein sehr moderner Gedanke. Wahrscheinlich wollte der normale jüdische Bürger in Ruhe seinen Tag leben und nicht um die Früchte seiner Arbeit gebracht werden. Und da erinnerte man sich in der Gegenwart der römischen Truppen und Steuereinnehmer anvergangene Zeiten, da träumte man von David und Salomo – als die Welt noch in Ordnung und alles besser war. Wenn es die beiden überhaupt gegeben hat,  dann waren sie ziemliche Rabauken auf dem Thron, die sich nicht sonderlich von anderen Herrschern unterschieden. Mit ihren Königen hatten die Juden in der Regel keine guten Erfahrungen gemacht. Sie handelten wie üblich, dachten im Wesentlichen an sich selbst und daran, wie sie ihren Reichtum mehren und sicherstellen konnten. Wer da vom Königreich als Lösung träumt, der träumt heftig. Jakobus und Johannes waren offenbar solch einem Traum erlegen.

Da war aber noch das andere Königreich – ein Königreich, in dem der Herrscher sich wirklich als Sachwalter und Verwalter der Angelegenheit Jahwes empfand – wir haben dafür den Begriff ‘Gottesstaat’. Davon hatten die Priester in Jerusalem nach der babylonischen Gefangenschaft geträumt. Hatten die Jünger daran gedacht? Wir wissen es nicht. Wir haben aber 2000 Jahre mehr Einsicht in Geschichte als Jakobus und Johannes. Die Gottesstaaten sind so ungefähr das schrecklichste, was die Geschichte zu bieten hat.

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Jakobus und Johannes haben Jesus missverstanden. Jesus dachte – so viel wir das heute sehen können – nie in großen Strukturen. Er machte keine Politik. Er dachte vielleicht an Grundlagen politischen Handelns. Aber eines ist klar, das Königreich Gottes, wie auch immer das bei Jesus aussieht, ist keines, das von Nehmen bestimmt ist, sondern vom Geben.  Es ist auch keines, in dem es Pfründen gibt. Und das weitere große Missverständnis ist, dass Jakobus und Johannnes auf dieses Reich warten. Jesus versucht, deutlich zu machen, dass dieses Reich bereits angebrochen ist. Und wo? In den Menschen, im Einzelnen ist es angebrochen. Bei Lukas steht das Jesuswort “Das Reich Gottes ist mitten unter euch” – genauer übersetzt: in einem jeden von euch.

Was hat all das mit uns zu tun?

Dass das Reich Gottes unter uns ist, das ist eine Aussage, um die die Kirchen jahrhundertelang einen Bogen gemacht haben. Sie vertrösteten die auf der Erde unter misslichen Verhältnissen Lebenden damit, dass es ihnen im Reich Gottes, im Himmelreich, besser gehen sollte. Den Weg dorthin kannten die Kirchen. Er war schmal und mit Leiden gepflastert. Man ging ihn mit Hilfe einer Kirche, außerhalb derer es kein Heil gab. Und für dieses Heil zahlten die Menschen und unterwarfen sich einer Rangordnung, an deren Spitzen die kirchlichen Würdenträger waren, sozusagen zur Rechten und zur Linken Gottes.

Kirche hat also die Fehleinschätzung von Jakobus und Johannes übernommen.

Ich sagte eingangs, dass in den Evangelien vieles steht, das seine Wurzel in den frühen Gemeinden hat. Ich denke, dass es auch hier um Rangordnungen in Gemeinden ging, und dass man sich auf das JesusWort vom Dienen besinnen wollte – damals.

Und heute? Ich sehe es auch heute als Aussage zu Macht und Machtstrukturen in der Kirche – und eine Anklage. Kirche war und ist eine mächtige Institution. Macht ist an sich nichts Schlimmes. In der Kirche könnte die Struktur dazu helfen, dass das Dienen aneinander erleichtert wird, dass das Lieben leichter wird, dass Barrieren eingerissen werden zwischen Menschen, auch, dass soziale Unterschiede in Ausbildung und Wohlstand nicht zu Missachtung und Herabsetzung von Menschen führen. Der Blick in die Geschichte lehrt allerdings etwas Anderes: Offizielle Kirche hat sich gerne mit den jeweils weltlich Mächtigen arrangiert, hat sie gestärkt und bedient – egal, ob das im Kaiserreich so war, im Dritten Reich oder jetzt im Russland Putins. Kirche hilft ordnen.

Dass wir in dieser Hinsicht hier und heute deutlich weiter sind als noch vor zweihundert Jahren, hat vor allem damit zu tun, dass weltliche Mächte die Macht der Kirche gebrochen haben – zumindest teilweise. Die weltlichen Mächte waren die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, die Französische Revolution und die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, sicher auch die Fortschritte bei den Erklärungen der Welt, die die Naturwissenschaften in den vergangenen zwei Jahrhunderten zusammen mit ihren technischen Umsetzungen gemacht haben.

Sind wir denn damit dem Königreich der Himmel näher gekommen? Kann man das überhaupt beschreiben?

Jesus sprach von einem erfüllten Leben. In seiner Bergpredigt sprach er davon. Sie, liebe Gemeinde, sie haben die Anfangswörter der Seligpreisungen vielleicht im Ohr: “Selig sind, ...” ‘Selig’, das bedeutet ‘glücklich’, ‘zufrieden’, ‘bei sich selber’.

‘Selig sind ...’, da steht das Verb in der Gegenwart. Jesus hat deutlich gemacht, dass dieses glückliche, erfüllte Leben hier und heute und weder in der Zukunft noch in irgendeinem Jenseits zu finden sei. Erfülltes Leben kann erleben, wer sein Leben mit Gott und in Verantwortung vor Gott führen will. Und das ist ein Leben, in dem ich bewusst darauf verzichte, die mir gegebene Macht so zu gebrauchen, dass sie mich über einen anderen Menschen und über meine Umwelt erhebt.

Und was ist nun mit den beiden Jüngern? Denen sagt Jesus mit vielen Worten: Es kommt nicht darauf an, zu herrschen oder die Oberhand zu haben. Es kommt darauf an, glücklich zu sein und glücklich zu machen. Vielleicht hängt das sogar ganz eng miteinander zusammen.